Staudengarten im Oktober mit Samenständen, Gräsern und Gehölzen im Morgenlicht

Foto: Folko Kullmann

Editorial · Oktober 2026

Natürlich schön und doch ganz und gar gemacht

Warum uns ausgerechnet die Gärten am meisten berühren, die so aussehen, als hätte niemand eingegriffen, und was eine Staudenpflanzung in Somerset mit einer Vase voller Herbstzweige zu tun hat.

Ein Garten wächst nicht von allein.

Jetzt im Oktober, wenn die Staudenbeete braun und golden werden, die Gräser im Gegenlicht stehen und die Samenstände der Sonnenhüte schwarz über allem schweben, sieht ein guter Garten aus, als hätte er sich ganz von selbst so ergeben. Das hat er nicht. Kein einziges dieser Bilder ist zufällig entstanden.

Gärtnern ist im Kern eine Überhöhung der Natur. Wir nehmen, was die Natur uns anbietet, wählen aus, ordnen, verdichten, verstärken. Wir greifen in einen Ort ein und in einen Raum. Vor allem aber, und darüber wird viel zu selten gesprochen, greifen wir in die Zeit ein.

Zeit als Material

Gärtnern heißt, die Zeit zu gestalten.

Das fängt bei der Pflanzenauswahl an: Was soll im April blühen, was im August, was trägt den Garten durch den Winter? Es geht weiter mit der Anordnung, mit Nachbarschaften, mit Layern, Pflanzen, die übernehmen, wenn andere nachlassen. Und es endet längst nicht beim Pflanzen selbst. Wir steuern das Wachstum. Wir verzögern Blütezeiten durch einen gezielten Rückschnitt im Frühsommer, damit eine Staude später, kompakter und standfester blüht. Wir schneiden zurück, um eine zweite Blüte zu fördern, oder lassen bewusst stehen, damit sich Samenstände entwickeln. Wir entscheiden, wann ein Bild sein soll und wie lange es halten darf.

Das ist ein kreativer Prozess, und er ist faszinierend. Der Kreativität und dem individuellen Geschmack sind dabei eigentlich keine Grenzen gesetzt. Der streng formale Barockgarten ist genauso Gartenkunst wie das Bauerngartenbeet, die Rabatte in Pastelltönen genauso wie der japanische Moosgarten. Jeder darf seinen Garten so gestalten, wie er ihn haben möchte.

Naturalistische Staudenpflanzung im Morgennebel mit Gräsern und Samenständen Samenstände und Gräser im Herbstlicht, Detailaufnahme
Wiederholung und Rhythmus, Dichte und Durchblicke: die Mittel, mit denen eine Pflanzung natürlich wirkt.

Eine Beobachtung

Und doch gefällt uns am meisten, was natürlich wirkt.

Was mich dabei immer wieder fasziniert: Ein Garten, der naturalistisch erscheint, der sich an seinen Ort anpasst und mit ihm geht, wird von den allermeisten Menschen als besonders schön empfunden. Auch von denen, die sonst mit Gärten wenig anfangen können. Ich erlebe das in Gärten wie dem Oudolf-Garten am Vitra Campus immer wieder: Menschen bleiben stehen, setzen sich, schauen, und es sind längst nicht nur Gartenmenschen.

Dabei ist ein solcher Garten nicht weniger gemacht als ein Barockparterre. Eher im Gegenteil. Es braucht enorm viel Wissen, Erfahrung und Steuerung, damit etwas so selbstverständlich aussieht. Das Natürliche im Garten ist eine Kunstform, keine Abwesenheit von Kunst.

Biophilie

Ich glaube, wir erkennen darin etwas wieder.

Woran liegt das? Ich denke, es hängt mit ganz ureigenen, archaischen Ästhetikempfindungen zusammen. Mit einer Naturverbundenheit, die tief in uns steckt, ganz gleich, wie städtisch wir heute leben. Der Biologe Edward O. Wilson hat dafür den Begriff der Biophilie geprägt: eine angeborene Hinwendung zum Lebendigen. Man muss nicht jeder Theorie dazu folgen, um zu spüren, dass da etwas dran ist. Was natürlich erscheint, empfinden wir als stimmig. Und was stimmig ist, empfinden wir als schön.

Ein naturalistischer Garten bedient genau dieses Empfinden. Er zeigt Pflanzen in Gemeinschaften, wie wir sie von Wiesen, Waldrändern und Steppen kennen. Er zeigt Wiederholung und Rhythmus, Dichte und Durchblicke. Und er zeigt Zeit: Austrieb, Blüte, Samenstand, Vergehen. Gerade weil er den Jahreslauf nicht versteckt, sondern feiert, wirkt er auf uns so vertraut.

Das Oudolf Field auf der Durslade Farm in Somerset im Spätherbst
Das Oudolf Field auf der Durslade Farm in Somerset, Ende Oktober: Was wie gewachsen wirkt, ist bis ins Detail entschieden.Foto: Jason Ingram

Das erste Buch

Eine Blaupause für den eigenen Garten.

Zu diesem Gedanken haben wir zwei neue Bücher gemacht, die wir ab November anbieten. Das erste führt uns nach Bruton in Somerset, zu Hauser & Wirth und zu dem großen Staudenfeld, das Piet Oudolf dort gestaltet hat: dem Oudolf Field. Ich war im Sommer selbst dort und habe mich lange mit dem Head Gardener unterhalten.

Der Autor Rory Dusoir, ein in Kew ausgebildeter Gärtner, hat den Garten gemeinsam mit dem Fotografen Jason Ingram ein Jahr lang begleitet. Herausgekommen ist ein Buch, das ganz detailliert beschreibt, wie dieser Garten angelegt ist: die unterschiedlichen Bereiche, die Blockpflanzungen, die Matrixpflanzungen, die Pflanzenlisten und die Gestaltungsprinzipien, nach denen Piet Oudolf arbeitet. Und es zeigt, wie sich der Garten durch die Jahreszeiten verändert und was die Gärtner dafür tun.

Das ist fast schon eine kleine Blaupause. Natürlich hat kaum jemand eine solche Fläche zur Verfügung. Aber wer diesen Look im eigenen Garten ausprobieren will, heruntergebrochen auf ein Beet oder einen Vorgarten, findet hier alles, was er braucht: Welche Pflanzen kombiniert Piet miteinander? Was funktioniert zusammen? Und wie geht er überhaupt an eine Gestaltung heran?

Rachel Siegfried bindet in ihrer Werkstatt einen Strauß aus Stauden und Gräsern
Rachel Siegfried in ihrer Werkstatt auf Green & Gorgeous: Der Strauß entsteht aus dem, was das Feld in dieser Woche hergibt.Foto: Eva Nemeth

Das zweite Buch

Völlig frei und doch an die Jahreszeit gebunden.

Das zweite Buch beschäftigt sich mit einem ganz anderen Thema: der Floristik von Rachel Siegfried. Floristik ist eine eigene Kunst, mit Pflanzen aus dem Garten umzugehen. Sie ist losgelöst von allen gärtnerischen Prinzipien, von standortgerechter Pflanzenverwendung, vom Prinzip right plant, right place. Denn für diesen kurzen Augenblick in einer Vase oder einem Gefäß ist man völlig frei, zu kombinieren, was man möchte. Eine Schattenstaude neben einer Steppenpflanze? In der Vase kein Problem.

Und trotzdem gilt auch hier, was im Garten gilt: Wer sich an Vorbildern aus der Natur orientiert, wer mit dem geht, was die Natur jahreszeitlich gerade bietet, und das miteinander kombiniert, dem gelingen die schönsten Sträuße. Zweige, die von der Jahreszeit erzählen, dazu Stauden, Gräser und Ranken, die Bewegung hineinbringen. Das hat nichts mit den oft schreiend bunten Blumensträußen zu tun, die man sonst kennt.

Das Besondere an Rachel Siegfrieds Buch: Sie betreibt in Oxfordshire die Schnittblumenfarm Green & Gorgeous, gibt Kurse und baut alle Pflanzen selbst an. Begonnen hat sie als Gärtnerin auf einem Landgut in den Cotswolds. Über Jahre hat sie zahlreiche Arten und Sorten getestet und stellt nun ihre Auswahl von 128 erprobten Stauden und Gehölzen vor. Alles Pflanzen, die in jedem Garten kultiviert werden können, die Jahr für Jahr wiederkommen und ganz nebenbei Insekten und Vögeln Lebensraum bieten. Sie zeigt, wie man damit wirklich fantastische Kombinationen schafft, die natürlich wirken und eine ganz besondere Ästhetik haben. Und das Schöne ist: Man kann das alles selbst anbauen.

Tableau aus Stauden, Gräsern und Blättern als Schnittblumen Herbstlicher Schnittblumenstrauß in einer Vase vor einer roten Holzwand
Stauden, Gräser und Blätter statt Treibhausware: Das Jahr bestimmt, was in die Vase kommt.Foto links: Eva Nemeth
Naturalistische Staudenpflanzung mit Gräsern, Doppelseite aus Piet Oudolf. Das Werk

Worum es eigentlich geht

„Das Natürliche im Garten ist keine Abwesenheit von Gestaltung. Es ist ihre höchste Form.“

Folko Kullmann

Zwei Bücher, ein Gedanke

Die Schönheit der Natürlichkeit.

Auf den ersten Blick haben diese beiden Bücher wenig miteinander zu tun. Zwei ganz unterschiedliche Autoren, zwei ganz unterschiedliche Themen: hier ein großes Staudenfeld eines der bedeutendsten Pflanzplaner unserer Zeit, dort ein Strauß auf dem Küchentisch. Und doch ergänzen sie sich auf wunderbare Weise. Beide zeigen, dass wir am meisten berührt werden, wenn wir mit der Natur gestalten und nicht gegen sie. Wenn wir den Ort ernst nehmen, die Jahreszeit und die Pflanze selbst.

Gärtnern bleibt ein Eingriff. Aber vielleicht ist es der schönste Eingriff, den wir kennen: einer, der am Ende so aussieht, als wäre er nie geschehen.

Zum Weiterlesen

Bücher über Gärten, die natürlich wirken.

Vom großen Staudenfeld bis zur Vase, und ein Lebenswerk, das unseren Blick auf Pflanzungen verändert hat.

Buchcover „Das Oudolf Field bei Hauser & Wirth Somerset" (PLANTVS)

Neuerscheinung

Das Oudolf Field bei
Hauser & Wirth Somerset

Rory Dusoir

Subskriptionspreis bis 31.10.

€39,20€49,00
Buchcover „Mehrjährige Schnittblumen aus dem Garten" (PLANTVS)

Neuerscheinung

Mehrjährige Schnittblumen
aus dem Garten

Rachel Siegfried

Subskriptionspreis bis 31.10.

€27,20€34,00
Buchcover „Piet Oudolf. Das Werk" (PLANTVS)

Werkmonografie

Piet Oudolf. Das Werk

Piet Oudolf

€69,00

Das Programm

Bücher über Pflanzen, Gärten und die Menschen dahinter. Bei PLANTVS und Filbert Press.

Zum Programm →

Folko Kullmann ist Mitgründer von PLANTVS und seit April 2026 Verleger und Eigentümer von Filbert Press in Großbritannien. Er ist Buchautor und Gartenexperte und schreibt regelmäßig über Pflanzen, Gestaltung und die Debatten dahinter.