Foto: Folko Kullmann
Editorial · September 2026
Right Plant, Right Place – und morgen?
Notizen vom Beth Chatto Symposium in Colchester: über Standorte, die sich verändern, Pflanzen, die mitgehen, und die Frage, was „heimisch" in Zukunft bedeutet.
Die richtige Pflanze am richtigen Ort.
Kein Satz ist so eng mit Beth Chattos Pflanzphilosophie verbunden wie Right Plant, Right Place: die richtige Pflanze am richtigen Ort. Es ist ein einfacher Satz, der eine grundlegende Haltung zum Gärtnern beschreibt. Pflanzen sollen nicht gegen ihren Standort gezwungen werden. Entscheidend ist vielmehr, die Bedingungen eines Ortes zu verstehen und Pflanzen auszuwählen, die dort tatsächlich gedeihen können.
Beth Chatto hat dieses Prinzip vor allem mit ihren eigenen Gärten eindrucksvoll vorgeführt. Ihr berühmter Gravel Garden in Essex wurde auf einem trockenen, durchlässigen Standort angelegt und kommt seit seiner Entstehung ohne Bewässerung aus. Das Prinzip war nicht, den Standort an die Pflanzen anzupassen, sondern die Pflanzen an den Standort.
Heute bekommt dieser Gedanke eine neue Dimension.


Notizen aus Colchester
Der Standort ist nicht mehr statisch.
Beim letzten Beth Chatto Symposium in Colchester, das unter dem Titel Connections Through Time stand, ging es um die Verbindung von Menschen, Pflanzen und Garten über den Lauf der Zeit. Gerade dieser zeitliche Aspekt erscheint mir für die Zukunft des Gärtnerns von besonderer Bedeutung.
Wir haben uns daran gewöhnt, bei der Pflanzenauswahl nach den Bedingungen zu fragen, die wir an einem Standort vorfinden: Wie ist der Boden? Wie viel Sonne gibt es? Ist es trocken oder feucht? Wie kalt wird es im Winter? Welche Pflanzen sind für diese Bedingungen geeignet?
Doch die Frage müsste heute eigentlich weiter reichen: Wie wird dieser Standort in 5, 10, 15, 20 oder 50 Jahren aussehen?
Denn der Standort ist längst keine unveränderliche Größe mehr. Hitze- und Dürreperioden verändern Böden, Wasserverfügbarkeit und Mikroklima. Was heute als standortgerecht gilt, wird unter den Bedingungen von morgen an seine Grenzen geraten.
Damit verändert sich auch die Bedeutung von Right Plant, Right Place. Vielleicht müssen wir künftig sagen: Right Plant, Right Place – Right Time. Oder noch konsequenter: Right Plant, Right Place, Right Future.
Foto: Folko Kullmann
Die neue Frage
„Right Plant, Right Place – Right Time."
frei nach Beth Chatto
Gartengeschichte
Vom Rückblick zur Zukunft.
Die Gartenkultur hat lange aus der Vergangenheit gelernt. Der klassische englische Garten orientierte sich an etablierten Bildern: Staudenrabatten, weiten Rasenflächen, Hecken und Gehölzen. Später veränderte sich das Denken. Mit der naturalistischen Pflanzbewegung und dem New Perennial Movement rückte die Frage stärker in den Vordergrund, welche Pflanzen zu einem Standort passen. Nicht mehr nur die gestalterische Idee sollte bestimmen, was gepflanzt wird, sondern zunehmend auch die Biologie der Pflanzen und mit der Naturgartenbewegung auch ihre Bedeutung für die Biodiversität.
Das war ein entscheidender Schritt. Heute aber reicht selbst dieses Prinzip nicht mehr vollständig aus. Denn der Standort selbst verändert sich.
Eine Pflanze kann heute perfekt an einen Boden, eine Niederschlagsmenge und ein bestimmtes Temperaturregime angepasst sein. Doch was geschieht, wenn die Sommer trockener und heißer werden, die Niederschläge unregelmäßiger und die Hitzeperioden länger? Der Winter nass und ohne Frost?
Dann ist die richtige Pflanze von heute möglicherweise nicht mehr die richtige Pflanze von morgen.
Eine schwierige Frage
Was bedeutet „heimisch" in einer sich verändernden Welt?
Diese Überlegung führt zwangsläufig zu einer schwierigen Frage: Was bedeutet eigentlich „heimisch" oder „autochthon", wenn sich die klimatischen Bedingungen eines Gebietes verändern?
Die Verwendung heimischer Pflanzen hat viele gute Gründe. Sie sind Teil bestehender Ökosysteme und können für heimische Tiere eine wichtige Nahrungs- und Lebensgrundlage darstellen. Problematisch wird es dort, wo aus diesem sinnvollen Prinzip ein unveränderliches Dogma wird. Denn Natur ist niemals statisch.
Evolution bedeutet Veränderung. Arten breiten sich aus, Populationen verschieben ihre Verbreitungsgebiete, Tiere verändern ihr Zugverhalten, Pflanzen erschließen neue Lebensräume. Und auch Klimazonen bleiben nicht dort, wo sie auf unseren Landkarten eingezeichnet sind. Wenn sich das Klima verändert, verändern sich zwangsläufig auch die Lebensgemeinschaften.
Die entscheidende Frage ist deshalb vielleicht nicht mehr allein: Was war hier ursprünglich heimisch? Sondern ebenso: Was kann hier unter den zukünftigen Bedingungen leben – und welche Rolle kann es in einem neuen, funktionierenden Ökosystem übernehmen?
Beobachtungen von Olivier Filippi
Die Natur ist bereits unterwegs.
Olivier Filippi, der sich seit Jahrzehnten mit Pflanzen für trockene und heiße Klimate beschäftigt, hat in seinem Vortrag in Colchester eindrucksvoll gezeigt, wie flexibel die Natur auf veränderte Bedingungen reagieren kann. Seine Beispiele machten deutlich, dass wir nicht nur über eine abstrakte Zukunft sprechen. Die Veränderung findet bereits statt.
Beim Wiedehopf etwa lassen sich Verschiebungen des Zug- und Überwinterungsverhaltens beobachten. Die Art überwintert zwar traditionell südlich der Sahara, doch inzwischen gibt es regelmäßig überwinternde Vögel im Mittelmeerraum, darunter in Südfrankreich. Auch wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass sich bei verschiedenen europäischen Langstreckenziehern die Überwinterungsgebiete nach Norden verschieben und sich damit die Zugdistanz verkürzt.
Filippi führte dazu eigene Beobachtungen aus Südfrankreich an. Seit einigen Jahren bleiben Wiedehopfe auch im Winter und finden weiterhin Nahrung – nämlich die Puppen des Kiefernprozessionsspinners, der sich aufgrund des Klimawandels immer weiter ausbreitet. Eine solche Veränderung ist mehr als eine Verschiebung auf einer Verbreitungskarte. Sie zeigt, dass Tiere auf neue klimatische Bedingungen nicht nur mit Wanderbewegungen reagieren, sondern auch ihr Verhalten verändern können.
Ein weiteres Beispiel, das Filippi in seinem Vortrag vorstellte, war der Monarchfalter und seine Entwicklung in Marokko. Nordamerikanische Monarchfalter sind berühmt für ihre weiten Wanderungen zwischen Kanada und ihren Überwinterungsgebieten in den USA und Mexiko. Ihre Raupen sind auf Seidenpflanzen (Asclepias) angewiesen. Nach Filippis Darstellung haben sich in Marokko aus Gärten entwichene Seidenpflanzen aus Südamerika etabliert und den Faltern damit eine neue Nahrungsgrundlage eröffnet. So kann eine Art, die ursprünglich auf einem anderen Kontinent heimisch ist, unter veränderten Bedingungen neue Lebensräume erschließen.
Solche Beispiele sollte man nicht romantisieren. Nicht jede Art wird sich anpassen können. Manche werden verschwinden. Andere werden hinzukommen. Aber sie zeigen etwas Entscheidendes: Die Natur ist nicht statisch. Sie reagiert. Sie wandert. Sie experimentiert. Sie findet neue Möglichkeiten.
Lehren aus dem Hitzesommer
Auch unsere Pflanzenlisten müssen sich verändern.
Für Gärten hat das weitreichende Konsequenzen. Der diesjährige Sommer mit seinen Hitze- und Dürreperioden hat gezeigt, dass selbst Pflanzen, die wir für ausgesprochen robust und trockenheitsverträglich hielten, unter extremen Bedingungen versagen können. Pflanzen wie Bergenien oder Katzenminzen gerieten an ihre Grenzen; selbst vermeintliche Spezialisten für Hitze und Trockenheit wie Brandkraut, Yucca und Aloe konnten unter außergewöhnlicher Hitze und anhaltender Trockenheit geschädigt werden.
Das ist eine wichtige Erkenntnis. Trockenheitsverträglichkeit ist keine absolute Eigenschaft. Sie hängt vom Boden, von der Dauer der Trockenheit, von der Temperatur, von der Luftfeuchtigkeit, von der Wurzelentwicklung und von der Kombination vieler Faktoren ab.
Eine Pflanze, die einen normalen trockenen Sommer problemlos übersteht, muss deshalb noch lange nicht für die nächste Extremperiode gerüstet sein. Wir müssen genauer hinschauen. Und wir müssen unseren Blick erweitern.
Der Blick nach vorn
Lernen von den Klimazonen von morgen.
Es gibt keinen Grund, bei dieser Entwicklung ausschließlich pessimistisch zu sein. Im Gegenteil: Weltweit existieren heute bereits Regionen, deren klimatische Bedingungen dem entsprechen, worauf sich viele unserer Gärten erst einstellen müssen.
Dort finden wir Pflanzen, die mit Hitze, Trockenheit und langen Perioden ohne Niederschlag umgehen können. Wir müssen (und dürfen) nicht blind Pflanzen aus diesen Regionen übernehmen. Aber wir können von ihnen lernen, ihre Strategien verstehen und prüfen, welche Arten oder Pflanzengemeinschaften unter unseren zukünftigen Bedingungen funktionieren könnten.
Dabei geht es nicht um eine möglichst exotische Pflanzenpalette. Es geht um Resilienz. Um Pflanzungen, die auch dann funktionieren, wenn das Wetter nicht mehr unseren bisherigen Vorstellungen entspricht.
Und vielleicht müssen wir dabei auch unsere Vorstellung von „heimisch" weiterentwickeln. Nicht im Sinne eines beliebigen Austauschs von Arten, sondern mit Blick auf die tatsächlichen ökologischen Prozesse. Wenn sich Klima und Lebensräume verschieben, können auch Pflanzen und Tiere ihre Verbreitungsgebiete verändern.
Eine Haltung
Vertrauen in die Natur.
Das vielleicht Wichtigste, was ich aus dem Chatto Symposium und aus Olivier Filippis Vortrag mitgenommen habe, ist deshalb weniger eine bestimmte Pflanzenliste als eine Haltung. Wir sollten der Natur wieder etwas mehr vertrauen.
Nicht jede Veränderung ist von vornherein eine Katastrophe. Natürlich wird der Klimawandel zahlreiche Arten unter Druck setzen und zum Aussterben bringen. Das dürfen wir weder verharmlosen noch romantisieren. Aber gleichzeitig ist die Natur kein statisches System, das wir nur möglichst unverändert bewahren können. Sie verändert sich seit Jahrmillionen. Evolution ist Veränderung.
Unsere Aufgabe als Gärtnerinnen und Gärtner wird deshalb zunehmend darin bestehen, Veränderung zu ermöglichen, statt einen vergangenen Zustand um jeden Preis festzuhalten. Das bedeutet nicht, alles Beliebige zu pflanzen. Es bedeutet, genauer zu beobachten, zu experimentieren und von Regionen zu lernen, die mit den Bedingungen bereits heute leben, auf die wir uns einstellen müssen.
Vielleicht ist das die eigentliche zeitgemäße Weiterentwicklung von Beth Chattos großem Prinzip. Nicht nur: Right Plant, Right Place. Sondern: Right Plant, Right Place – and the Right Plant for the Future.
Denn die entscheidende Frage für den Garten von morgen lautet nicht mehr allein: Was wächst hier heute? Sondern: Was wird hier morgen wachsen können?
Und wenn wir diese Frage ernst nehmen, haben wir durchaus Grund zu Zuversicht. Auch in einer sich verändernden Welt können Gärten artenreich, schön und biodivers bleiben – Orte, die nicht nur uns Menschen Erholung bieten, sondern zugleich Refugien für Pflanzen und Tiere sind. Wir müssen nur bereit sein, mit der Veränderung zu gehen.
Zum Weiterlesen
Bücher für den Garten von morgen.
Drei Bücher von Menschen, die seit Jahren daran arbeiten, wie Pflanzungen unter veränderten Bedingungen funktionieren.
Baumauswahl für morgen · Englisch
The Essential Tree Selection Guide
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Das Programm
Bücher für Gärten im Wandel.
Bei PLANTVS und Filbert Press veröffentlichen wir Bücher über naturalistische Pflanzung, klimaangepasste Gärten und die Frage, wie Grün unter veränderten Bedingungen aussehen kann.
Zum Programm →Folko Kullmann ist Mitgründer von PLANTVS und seit April 2026 Verleger und Eigentümer von Filbert Press in Großbritannien. Er ist Buchautor und Gartenexperte und schreibt regelmäßig über Pflanzen, Gestaltung und die Debatten dahinter.