Foto: Kristijan Matic
Editorial · August 2026
Wer schön sein will, muss pflegen
Fünf Sommer nach der Pflanzung steht Piet Oudolfs Garten am Vitra Campus da, als wäre er immer schon dagewesen. Und trotzdem hält sich der Vorwurf, so etwas sei ja nicht wirklich pflegeleicht.
Ein schöner Garten braucht Pflege. Warum behandeln wir das wie einen Makel?
Am Wochenende waren wir in Weil am Rhein, auf dem Vitra Campus, und haben uns die Pflanzungen von Piet Oudolf angesehen. Angelegt wurden sie im Mai 2020 — rund 30.000 Pflanzen auf 4.000 Quadratmetern zwischen VitraHaus und Produktionshalle. Wir waren schon im Jahr der Anlage dort. Jetzt, fünf Sommer später, sah es wirklich fantastisch aus: dichte, vielschichtige Pflanzungen in einem sehr guten Pflegezustand.
Und trotzdem hört man immer wieder denselben Einwand: Oudolf, naturalistisch, schön und gut — aber pflegeleicht ist das ja nicht. Dann frage ich mich jedes Mal: Wieso soll es das eigentlich sein?
Der Anspruch
Ein Garten ist keine Verkehrsinsel.
Wer etwas Schönes haben will, muss etwas dafür tun. Bei einer schönen Wohnung ist uns das selbstverständlich: Man macht sich Gedanken über die Einrichtung — und über den Unterhalt. Ein Auto bleibt ohne regelmäßiges Saugen nicht schön, eine Küche nicht blitzblank von allein. Für den Garten gilt genau dasselbe.
Ein Garten ist eben keine Verkehrsinsel, die zweimal im Jahr mit dem Freischneider heruntergemäht wird, sondern ein ästhetischer Raum. Ein künstlicher Raum, ein Kunstraum. Und dazu gehört, dass man sich mit der Pflanzung auseinandersetzt: die Pflanzen beobachtet, schaut, wie man sie lenken kann, wann man eingreift und wann besser nicht. Genau daraus entstehen diese Bilder, die einen in den Bann ziehen — und die auch Menschen faszinieren, die sonst nie in einen Garten gehen.
Raus aus der Blase
Nicht jeder will gärtnern — und das ist völlig in Ordnung.
Auf der einen Seite kann ich das Wort pflegeleicht nicht mehr hören. Auf der anderen verstehe ich jeden, der sagt: Ich hätte gern einen schönen Garten, aber ich möchte nicht jedes Wochenende darin arbeiten. Der Knackpunkt ist, glaube ich, dass wir Gartenmenschen uns gern mit Pflanzen und Pflege beschäftigen — und stillschweigend voraussetzen, dass alle anderen das auch tun. Da müssen wir aus unserer eigenen Blase heraus.
Wer sich damit beschäftigen will, soll das gern tun. Aber es gibt eben auch viele Menschen, die dazu keine Lust haben und es trotzdem schön haben wollen. Diesen Kompromiss zu finden, ist die eigentliche Herausforderung — im Privatgarten genauso wie bei Freiräumen, Parks und Pflanzungen im öffentlichen Raum: eine ästhetische, ansprechende Pflanzung, die nicht täglich betüdelt werden muss, aber eine gewisse Pflege eben doch braucht.
Ein besseres Wort
Nennen wir es doch einfach Wartung.
Bei den Grünberger Gehölz- und Staudentagen hat der Berliner Hochschullehrer Karl-Heinz Strauch das einmal auf den Punkt gebracht: Man muss die Sprache seines Gegenübers sprechen. Er redete deshalb konsequent von Wartung. Niemand stellt infrage, dass ein Aufzug gewartet, eine Brücke kontrolliert, ein technisches Bauwerk regelmäßig geprüft werden muss. Dass ein Auto zum TÜV muss, ist völlig normal.
Bei einer Pflanzung ist es nichts anderes: Alle vier, sechs, acht Wochen — manchmal reicht einmal im Jahr — schaut man nach ihr und greift lenkend ein. Wenn es hilft, das Wartung zu nennen, dann heißt es eben Wartung. Hauptsache, es wird gemacht, und die Pflanzung entwickelt sich weiter. Und gerade im öffentlichen Grün sollten wir diese Pflege viel selbstbewusster einfordern, statt sie kleinzureden.
Worum es eigentlich geht
„Wer etwas Schönes haben will, muss etwas dafür tun. Für den Garten gilt nichts anderes.“
Folko Kullmann
People first
Erst begeistern. Dann über Pflege reden.
Piet Oudolf ist einer der wenigen Pflanzplaner unserer Zeit, der ganz selbstbewusst sagt: Ich habe gar nicht den Anspruch, eine pflegeleichte Pflanzung zu gestalten. Sein Anspruch ist ein anderer — er will Pflanzungen, die Emotionen auslösen und Menschen begeistern.
Damit ist er auf einer Linie mit James Hitchmough und dem im April dieses Jahres viel zu früh verstorbenen Nigel Dunnett. Deren Leitsatz hieß people first: Der Mensch kommt zuerst. Wenn eine Pflanzung die Leute erst einmal eingefangen hat, diskutiert niemand mehr darüber, dass da auch mal jemand zum Gießen, zum Jäten oder zum Steuern einer dynamischen Pflanzung kommen muss.
Die andere Seite der Rechnung
Wir zählen die Kosten — und vergessen den Gewinn.
Der Fokus auf Pflegeleichtigkeit, auf Pflegeminuten pro Quadratmeter und Jahr, lenkt genau davon ab, worum es eigentlich geht. Wir reduzieren Grün auf das Technische, auf das, was es kostet — und vergessen darüber völlig, was es uns bringt. Einen grünen Erholungsraum. Schatten. Kühle. Weniger Stress; dass schon ein kurzer Aufenthalt im Grünen nachweislich entspannt, ist gut untersucht. Diesen enormen Wert blenden wir aus, wenn wir immer nur die Kostenseite betrachten.
Ehrlicher wäre, offen zu sagen: Das ist eine großartige Pflanzung. Wenn ihr die haben wollt, dann müsst ihr dafür dies und das tun — und dafür bekommt ihr dies und das. Nämlich einen Ort, der gerne besucht wird und der angenommen wird. Bessere Aufenthaltsqualität im Quartier wie im eigenen Garten. Einen Beitrag zur Biodiversität. Und, wenn die Pflanzungen offen und standortgerecht angelegt sind, widerstandsfähigere Böden. Das alles nimmt man als positiven Nebeneffekt gerne mit.
Piet Oudolf
Vier Jahrzehnte, fast vierzig Projekte — und ein Lebenswerk.
Warum Piet Oudolf bei uns in den letzten Wochen und Monaten so im Fokus stand: Wir haben sein Lebenswerk im Programm. In Piet Oudolf. Das Werk sind alle bedeutenden Projekte aus vier Jahrzehnten versammelt, dazu Beiträge von Wegbegleitern über ihre gemeinsame Zeit und Zusammenarbeit. Die Einführung hat Cassian Schmidt geschrieben, der seit vielen Jahren mit Oudolf befreundet ist und zusammenarbeitet; Essays kommen unter anderem von Jonny Bruce, Rosie Atkins, James Corner, Hans Ulrich Obrist und Tino Sehgal. Noel Kingsbury hat die Gärten porträtiert.
Und mit unserem britischen Partnerverlag Filbert Press haben wir ein zweites Oudolf-Buch im Programm: über die Anlage und Gestaltung der Oudolf-Gärten bei Hauser & Wirth im englischen Somerset, mitten in den Cotswolds. Ich war vor vier Wochen dort und habe mich lange mit dem Head Gardener über die Herausforderungen einer solchen Pflanzung unterhalten. Sie zeigt genau das, worum es hier geht: Diese Kunst der Pflanzenkombination ist einzigartig — und sie lohnt jede Stunde, die man in sie steckt.
Gartenbuch · Neuerscheinung
Piet Oudolf. Das Werk
Fast 40 Projekte aus vier Jahrzehnten, großformatige Fotografien, Essays und die bislang größte Sammlung seiner handgezeichneten Pflanzpläne. 288 Seiten, Hardcover, mit ausklappbaren Plänen.
Subskriptionspreis bis 31.08.2026 · danach 69,00 € · versandkostenfrei in DE
Zum Weiterlesen
Zwei Bücher über Gärten, die Pflege verdienen.
Das Lebenswerk eines Gestalters — und Gärten, in denen Natur und Gartenkunst zusammenfinden.
Folko Kullmann ist Mitgründer von PLANTVS und seit April 2026 Verleger und Eigentümer von Filbert Press in Großbritannien. Er ist Buchautor und Gartenexperte und schreibt regelmäßig über Pflanzen, Gestaltung und die Debatten dahinter.

