Platzhalter: Straße unter einem geschlossenen Dach aus Baumkronen im Sommerlicht

Editorial · Juni 2026

Schatten pflanzen — und die Frage, warum wir Bäume erst bemerken, wenn sie fehlen

In München stehen Menschen Schlange, um für Bäume zu unterschreiben. Gedanken über das selbstverständlichste Lebewesen unserer Städte und Gärten.

Es ist Juni, und München steht Schlange für Schatten.

Vergangene Woche war ich in München, an einem dieser frühen Hitzetage, an denen der Asphalt schon am Vormittag flirrt. Mitten in der Innenstadt: ein Klapptisch, Klemmbretter, eine Schlange von Menschen, die geduldig in der Sonne warteten. Sie unterschrieben für ein Bürgerbegehren, das die Stadt unter ein Blätterdach setzen will — mehr Straßenbäume, mehr Kronen über den Köpfen, die Faustformel: alle 15 Meter ein Baum. Ich habe eine Weile zugesehen und dabei gedacht: Es ist etwas Bemerkenswertes passiert, wenn Menschen für Schatten anstehen.

Dieser Text ist trotzdem keiner über München. Er ist einer über Bäume — und über die Frage, warum wir offenbar erst dann begreifen, was sie leisten, wenn sie fehlen.

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Platzhalter: Gegenüberstellung zweier Stadtstraßen, eine mit Baumreihen, eine ohne
Zwei Straßen, dieselbe Stadt, derselbe Tag. Der Unterschied zwischen ihnen lässt sich messen — aber man spürt ihn schneller, als man ihn messen kann.Platzhalter — Foto folgt.

Eine Beobachtung

Niemand demonstriert für Asphalt.

Dass Bäume politisch geworden sind, sagt weniger über die Politik als über die Bäume — genauer: über ihr Verschwinden. Deutsche Großstädte haben in den letzten Jahrzehnten zehntausende Stadtbäume verloren, an Baustellen, Trockenheit, Krankheiten, Tiefgaragen. Gleichzeitig werden die Sommer messbar heißer. Irgendwann kippt so etwas vom Hintergrundrauschen ins Bewusstsein: In Berlin wurde aus einer Unterschriftensammlung im vergangenen November Deutschlands erstes Klimaanpassungsgesetz, einstimmig beschlossen. In München sammeln sie gerade. Andere Städte werden folgen.

Und wer wissen will, wohin die Reise geht, schaut nach Paris. Dort kommt die Hitze südlicher und früher an, und die Stadt hat nicht auf Unterschriften gewartet: 170.000 neue Bäume bis 2026, kleine Stadtwälder auf Plätzen und ehemaligen Kreisverkehren, begrünte Schulhöfe als cours oasis, hundert Hektar Asphalt, die wieder aufgerissen werden. Die Franzosen haben dafür ein eigenes Wort erfunden — débitumisation, Entteerung. Eine Stadt, die ein Wort dafür braucht, wie sie ihren Asphalt loswird, hat verstanden, worum es geht.

Man kann das als Klimapolitik lesen. Ich lese es als etwas Einfacheres: als späte Wertschätzung. Eine Schlange vor einem Klemmbrett ist das öffentliche Eingeständnis, dass wir etwas jahrzehntelang für selbstverständlich gehalten haben, das nie selbstverständlich war. Bäume standen einfach da, also hat niemand für sie gestimmt. Jetzt fehlen sie, also stehen Menschen dafür an. Niemand demonstriert für Asphalt — aber für Schatten, stellt sich heraus, schon.

Was ein Baum leistet

Die älteste Klimaanlage der Welt.

Es lohnt sich, einmal nüchtern aufzuzählen, was ein ausgewachsener Baum nebenbei erledigt. Er senkt die Temperatur seiner Umgebung um etwa zwei Grad, im Verbund mit anderen um bis zu vier — nicht nur durch Schatten, sondern durch Verdunstung: Ein großer Baum verdunstet an einem heißen Tag hunderte Liter Wasser und kühlt damit wie ein Aggregat, das niemand warten muss. Sein Schatten entlastet Gebäude so wirksam, dass spürbar weniger Energie für Klimatisierung gebraucht wird. Er filtert Staub, bremst Wind, hält Regen zurück, wo sonst Kanäle überlaufen. Er ist Wohnung, Kinderstube und Kantine für mehr Arten, als auf der restlichen Straße zusammen leben.

Es gibt keine Maschine, die das alles gleichzeitig kann. Und es gibt erst recht keine, die dabei jedes Jahr schöner wird statt älter. Das ist der eigentliche Punkt, der in den Debatten oft untergeht: Ein Baum ist keine Maßnahme. Er ist ein Lebewesen, das ganz nebenbei Maßnahmen überflüssig macht.

Platzhalter: Blick von unten in ein geschlossenes Blätterdach aus Baumkronen

Worum es eigentlich geht

„Eine Gesellschaft wird groß, wenn alte Menschen Bäume pflanzen, in deren Schatten sie nie sitzen werden."

Sprichwort, griechisch überliefert

Die Sache mit der Zeit

Bäume kann man nicht nachholen.

Was Bäume von fast allem unterscheidet, womit wir sonst auf Hitze reagieren, ist ihr Verhältnis zur Zeit. Eine Markise hängt am Nachmittag. Ein Baum, der heute gepflanzt wird, entfaltet seine volle Kühlleistung erst in zwanzig Jahren. Das klingt wie ein Nachteil, und genau so wurde es jahrzehntelang behandelt: Was erst der nächsten Generation nützt, fällt in keiner Legislaturperiode positiv auf.

Aber man kann es auch umdrehen. Die Alleen, unter denen wir heute gehen, hat niemand für uns geplant — und doch hat sie jemand für uns gepflanzt. Wir leben im Schatten von Entscheidungen, die andere vor fünfzig, achtzig, hundertzwanzig Jahren getroffen haben. Das macht das Pflanzen eines Baums zu einer der wenigen Handlungen, die sich ehrlich an die Zukunft richten. Und es macht jeden gefällten Altbaum zu einem Verlust, den keine Ersatzpflanzung kurzfristig ausgleicht: Eine hundertjährige Linde ist ökologisch nicht durch hundert Setzlinge zu ersetzen, sondern nur durch hundert Jahre.

Pflanzen ist die einzige Anpassung an heiße Sommer, die man nicht nachholen kann. Jedes Jahr, das wir warten, ist ein Sommer mehr, in dem es keinen Schatten gibt — und einer weniger, in dem ein Baum hätte wachsen können.

Platzhalter: Alte Allee mit mächtigen Bäumen
Alleen sind geerbter Schatten: gepflanzt von Menschen, die wussten, dass nicht sie darunter sitzen werden.Platzhalter — Foto folgt.

Der richtige Baum

Es gibt keine Bäume an sich.

Die interessanteste Diskussion wird dabei längst nicht mehr über das Ob geführt, sondern über das Welcher. Es gibt keine Bäume an sich — es gibt nur diesen Baum an diesem Standort, mit diesem Boden, diesem Wasser, diesen Sommern. Arten, die unsere Straßen ein Jahrhundert lang geprägt haben, leiden sichtbar unter den neuen Bedingungen. Ein Baum, der die nächsten fünfzig Jahre Schatten werfen soll, muss ein Klima vertragen, das es noch gar nicht gibt.

Das ist eine genuin gärtnerische Frage, und es sind Gärtner und Forscher, die sie am ernsthaftesten bearbeiten. Der schwedische Stadtbaum-Forscher Henrik Sjöman verbringt sein Berufsleben damit, herauszufinden, welche Arten Hitze, Trockenheit und verdichtete Böden wegstecken — und hat gemeinsam mit Arit Anderson mit The Essential Tree Selection Guide aufgeschrieben, was daraus folgt. Olivier Filippi beobachtet in Südfrankreich seit Jahrzehnten, wie Pflanzen mit Hitze und Trockenheit nicht nur zurechtkommen, sondern darin schön werden. Es sind solche Stimmen, an denen man merkt: Die Antwort auf heißere Sommer ist nicht weniger Grün, sondern klüger gewähltes Grün.

Und der Garten?

Die Fläche, auf der niemand warten muss.

Während Städte über Kronenprozente abstimmen, Tiefbauämter Leitungspläne wälzen und Haushaltsausschüsse rechnen, gibt es eine Fläche, auf der all das nicht nötig ist: der eigene Garten. In Summe sind die privaten Gärten in Deutschland größer als alle Naturschutzgebiete zusammen eine gewaltige Flächenreserve — und der Baum im Vorgarten kühlt die Straße davor genauso real wie ein städtischer.

Der Einwand, den ich bei diesem Thema am häufigsten höre: „Für einen Baum ist mein Garten zu klein." Er stimmt fast nie. Zwischen Felsenbirne, Zierapfel und Blumen-Esche gibt es eine ganze Welt von Bäumen, die mit sechs, acht Metern erwachsen sind, Schatten spenden, Vögel ernähren — und kein Fundament anheben. Weil mir dieser Einwand so oft begegnet ist, habe ich gemeinsam mit Sonja Di Leo ein Buch über genau diese Bäume geschrieben. Aber das Buch ist nicht der Punkt. Der Punkt ist: Die Schlange in München wartet auf einen Beschluss. Wer einen Garten hat, muss das nicht.

Zum Weiterlesen

Bücher über Bäume und heiße Sommer.

Vom kleinen Hausbaum bis zur Stadtbaum-Wissenschaft — drei Bücher von Menschen, die diese Fragen seit Jahren bearbeiten.

Was du heute tun kannst

Im Zweifel: pflanzen.

Geh einmal bewusst durch deine Straße und schau, wo der Schatten fehlt. Man sieht es im Juni deutlicher als zu jeder anderen Jahreszeit.
Hast du einen Garten, such den Standort jetzt im Sommer aus — gepflanzt wird im Herbst, Oktober und November sind die beste Zeit.
Wähle die Art nach dem Klima, das kommt, nicht nach dem, das war. Auch ein kleiner Baum ist eine Entscheidung für Jahrzehnte.
Und wenn du in München wohnst: Die Unterschriftensammlung läuft noch bis zu den Sommerferien — baumentscheid-muenchen.de.

Platzhalter: Felsenbirne als kleiner Hausbaum in einem Vorgarten
Felsenbirne im Vorgarten: sechs Meter Schatten, Blüte im April, Vogelfutter im Juni. Mehr Baum braucht es oft gar nicht.Platzhalter — Foto folgt.

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Folko Kullmann ist Mitgründer von PLANTVS und seit April 2026 Verleger und Eigentümer von Filbert Press in Großbritannien. Er ist Buchautor und Gartenexperte und schreibt regelmäßig über Pflanzen, Gestaltung und die Debatten dahinter.