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Editorial · Juni 2026
Schatten pflanzen — und die Frage, warum wir Bäume erst bemerken, wenn sie fehlen
In München sammeln sie Unterschriften für mehr Bäume. Gedanken über das selbstverständlichste Lebewesen unserer Städte und Gärten.
Es ist Juni, und München verhandelt über Schatten.
Vergangene Woche war ich in München, und obwohl es nicht einmal besonders heiß war, glühte der Asphalt schon am Vormittag. Überall in der Innenstadt: Plakate für ein Bürgerbegehren, das die Stadt unter ein Blätterdach setzen will — mehr Straßenbäume, mehr Kronen über den Köpfen, die Faustformel: alle 15 Meter ein Baum. Gerade einmal ein Viertel der Stadtfläche wird von Baumkronen beschattet — was, angesichts der Klimaprognosen, bei weitem nicht ausreichen wird, um das Leben in der Stadt erträglich zu halten. Schon ein einzelner Hitzetag kostet die deutsche Wirtschaft rund 430 Millionen Euro.
Dieser Text ist trotzdem keiner über München. Er ist einer über Bäume — und über die Frage, warum wir offenbar erst dann begreifen, was sie leisten, wenn sie fehlen. Und warum wir dennoch alles tun, um sie zu verstümmeln, zu kappen, klein zu halten und ihnen das Leben zu erschweren.


Vom Baum zum Politikum
Niemand demonstriert für Asphalt.
Wann haben wir den Bezug zum Baum verloren? Waren sie früher willkommene Schattenspender, unter denen man im Sommer der Hitze im Freibad entfliehen konnte, sind sie heute in den Augen vieler eine Gefahr (es könnte ja ein Ast abbrechen), machen Dreck (Blüten, Früchte, Laub), stören den Verkehr und sind überhaupt zu teuer. Wehe, ein Parkplatz wird in einen neuen Baumstandort umgewandelt. Die Proteste sind groß. Und dann sind da noch die Heerscharen „qualifizierter" Baumpfleger, die von Oktober bis Ende Februar kettensägenschwadronierend in die Städte und Gärten einfallen, gesunde Bäume kappen und sie in Dauerpflege-Patienten verwandeln. Das Einzige, was profitiert, sind die Geldbeutel der „Gärtner".
Dass Bäume politisch geworden sind, sagt weniger über die Politik aus als über die Bäume — genauer: über ihr Verschwinden. Deutsche Großstädte haben in den letzten Jahrzehnten zehn-, wenn nicht hunderttausende Stadtbäume verloren, an Baustellen, Trockenheit, Krankheiten, Tiefgaragen. Gleichzeitig werden die Sommer messbar heißer. Irgendwann kippt so etwas vom Hintergrundrauschen ins Bewusstsein: In Berlin wurde aus einer Unterschriftensammlung im vergangenen November Deutschlands erstes Klimaanpassungsgesetz, einstimmig beschlossen. In München sammeln sie gerade. Andere Städte werden folgen.
Wer wissen will, wohin die Reise geht, schaut nach Paris. Dort kommt die Hitze südlicher und früher an, und die Stadt hat nicht auf Unterschriften gewartet: 170.000 neue Bäume bis 2026, kleine Stadtwälder (Pocket Parks) auf Plätzen und ehemaligen Kreisverkehren, begrünte Schulhöfe als cours oasis, hundert Hektar Asphalt, die wieder aufgerissen werden. Die Franzosen haben dafür sogar ein eigenes Wort erfunden — débitumisation, Entteerung. Wer ein Wort dafür braucht, wie man Flächen entsiegelt und Asphalt loswird, hat verstanden, worum es geht. Chapeau!
Man kann das als Klimapolitik lesen. Ich lese es auch als etwas Anderes: als späte Wertschätzung. Ein Bürgerbegehren ist das öffentliche Eingeständnis, dass wir etwas jahrzehntelang für selbstverständlich gehalten haben, das nie selbstverständlich war. Bäume waren einfach da, also hat niemand für sie gestimmt. Jetzt fehlen sie, also stehen Menschen dafür an. Niemand demonstriert für Asphalt — aber für Schatten, stellt sich heraus, schon. Vor allem wenn die Temperatur im Sommer auch nachts nicht unter 30 Grad sinkt – wie wir im August 2023 bei einem Zwischenstopp auf dem Weg in die Bretagne in Paris erlebt haben.
Was ein Baum leistet
Die älteste Klimaanlage der Welt.
Es lohnt sich, einmal nüchtern aufzuzählen, was ein ausgewachsener Baum so ganz nebenbei erledigt. Er senkt die Temperatur seiner Umgebung um etwa zwei Grad, im Verbund mit anderen um bis zu vier — nicht nur durch Schatten, sondern durch Verdunstung: Ein großer Baum verdunstet an einem heißen Tag hunderte Liter Wasser und kühlt damit wie eine Klimaanlage, die niemand warten muss. Sein Schatten entlastet Gebäude so wirksam, dass spürbar weniger Energie für Klimatisierung gebraucht wird. Er filtert Staub, bremst Wind, hält Regen zurück, wo sonst Kanäle überlaufen. Er ist Lebensraum und Nahrungsquelle für mehr Arten, als auf der restlichen Straße zusammen leben.
Es gibt keine Technologie, die das alles gleichzeitig kann. Und es gibt erst recht keine, die dabei jedes Jahr schöner wird statt wartungsanfälliger. Das ist der eigentliche Punkt, der in den Debatten oft untergeht: Ein Baum ist keine Maßnahme. Er ist ein Lebewesen, das ganz nebenbei Maßnahmen überflüssig macht.
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Worum es eigentlich geht
„Eine Gesellschaft wird groß, wenn Menschen Bäume pflanzen, in deren Schatten sie nie sitzen werden."
Sprichwort
Die Sache mit der Zeit
Bäume kann man nicht nachholen.
Was Bäume von fast allem unterscheidet, womit wir sonst auf Hitze reagieren, ist ihr Verhältnis zur Zeit. Eine Markise hängt am Nachmittag. Ein Baum, der heute gepflanzt wird, entfaltet seine volle Kühlleistung erst in zwanzig Jahren. Das klingt wie ein Nachteil, und genau so wurde es jahrzehntelang behandelt: Was erst der nächsten Generation (oder dem politischen Nachfolger) nützt, wird in keiner Legislaturperiode priorisiert.
Aber man kann es auch umdrehen. Die Alleen, unter denen wir heute wandeln, hat niemand für uns geplant — und doch hat sie jemand für uns gepflanzt. Wir leben im Schatten von Entscheidungen, die andere vor fünfzig, achtzig, hundert oder mehr Jahren getroffen haben. Das macht das Pflanzen eines Baums zu einer der wenigen Handlungen, die sich ehrlich an die Zukunft richten. Und es macht jeden gefällten Altbaum zu einem Verlust, den keine Ersatzpflanzung ausgleichen kann: Eine hundertjährige Linde ist ökologisch nicht durch hundert Setzlinge zu ersetzen, sondern nur durch hundert Jahre. Wenn sie ein solches Alter heute überhaupt noch in der Stadt erreicht.
Die Sommer werden nicht mehr so angenehm sein, wie sie es waren. In München werden sich die Zahl der Hitzetage über 30 Grad von gut vier auf rund achtzehn im Jahr vervierfachen, und die Tropennächte, in denen es nachts nicht unter 20 Grad abkühlt, nehmen drastisch zu.
„Schatten pflanzen" ist die einzige Anpassung an heiße Sommer, die man nicht nachholen kann. Jedes Jahr, das wir warten, ist ein Sommer zu viel, in dem es zu wenig Schatten gibt — und einer weniger, in dem ein Baum hätte wachsen können.
Der richtige Baum?
Es gibt keine „richtigen" Bäume.
Die interessanteste Diskussion wird dabei längst nicht mehr über das Ob geführt, sondern über das Welcher. Es gibt keine richtigen Bäume an sich — es gibt nur diesen Baum an diesem Standort, mit diesem Boden, diesem Wasser, diesen Sommern. Arten, die unsere Straßen ein Jahrhundert lang geprägt haben, leiden sichtbar unter den neuen Bedingungen. Ein Baum, der die nächsten fünfzig Jahre Schatten werfen soll, muss ein Klima vertragen, das es noch gar nicht gibt.
Das ist eine genuin gärtnerische Frage, und es sind Gärtner und Forscher, die sie am ernsthaftesten bearbeiten. Der schwedische Stadtbaum-Forscher Henrik Sjöman verbringt sein Berufsleben damit, herauszufinden, welche Arten Hitze, Trockenheit und verdichtete Böden wegstecken — und hat gemeinsam mit Arit Anderson in The Essential Tree Selection Guide beschrieben, welche Bäume wir in Zukunft pflanzen sollten – und können. Olivier Filippi beobachtet in Südfrankreich seit Jahrzehnten, wie Pflanzen mit Hitze und Trockenheit nicht nur zurechtkommen, sondern unter extremen Bedingungen gedeihen. Es sind solche Stimmen, an denen man merkt: Die Antwort auf heißere Sommer ist nicht alleine mehr Grün, sondern klüger gewähltes Grün. Denn: Die Vielfalt der Baumarten in unseren Städten ist überraschend gering. Was tun, wenn Linden nicht mehr mit der Hitze zurechtkommen, Platanen neuen Schädlingen zum Opfer fallen oder sich der Asiatische Laubholzbockkäfer über Ahorne hermacht? Wir brauchen mehr Vielfalt, neue Arten, neue Sorten, als Anpassung an den Klimawandel, wenn viele Arten mit der beschleunigten Evolution nicht mehr hinterherkommen.
Und im Garten?
Die Fläche, auf der niemand warten muss.
Während Städte über Kronenprozente abstimmen, Tiefbauämter Leitungspläne wälzen und Haushaltsausschüsse rechnen, gibt es einen Ort, in dem all das nicht nötig ist: der eigene Garten. In Summe sind die privaten Gärten in Deutschland so groß wie alle Naturschutzgebiete zusammen — eine gewaltige Flächenreserve, und jeder Baum im Vorgarten kühlt die Straße davor genauso real wie ein städtischer.
Der Einwand, den ich bei diesem Thema am häufigsten höre: „Für einen Baum ist mein Garten zu klein." Er stimmt fast nie. Zwischen Felsenbirne, Zierapfel und Blumen-Esche gibt es eine ganze Welt von Bäumen, die mit sechs, acht Metern erwachsen sind, Schatten spenden, Vögel und Insekten ernähren — und kein Fundament anheben. Weil mir dieser Einwand so oft begegnet ist, habe ich gemeinsam mit Sonja Di Leo ein Buch über genau diese Bäume geschrieben. Aber das Buch ist nicht der Punkt. Der Punkt ist: Die Menschen in München warten auf einen Beschluss. Wer einen Garten hat, muss das nicht. Sondern kann gleich lospflanzen.
Zum Weiterlesen
Bücher über Bäume und heiße Sommer.
Vom kleinen Hausbaum bis zur Stadtbaum-Wissenschaft — drei Bücher von Menschen, die diese Fragen seit Jahren bearbeiten.
Das Programm
Bücher, die Schatten werfen.
Bei PLANTVS und Filbert Press veröffentlichen wir Bücher über Bäume, naturalistische Pflanzung und die Frage, wie Gärten und Städte unter veränderten Klimabedingungen aussehen können.
Zum Programm →Folko Kullmann ist Mitgründer von PLANTVS und seit April 2026 Verleger und Eigentümer von Filbert Press in Großbritannien. Er ist Buchautor und Gartenexperte und schreibt regelmäßig über Pflanzen, Gestaltung und die Debatten dahinter.


