Foto: Folko Kullmann
Editorial · Juli 2026
Die perfekte Rose gibt es nicht — und das ist ihre Rettung
In Baden-Baden haben vor zwei Wochen neunzig Fachleute die neuesten Rosen bewertet. Ein Kriterium bringt mich ins Grübeln — und führt mich zu Piet Oudolf.
Über 150 neue Rosen — und ein Satz, der hängen bleibt.
Mitte Juni war ich in Baden-Baden, beim 74. Internationalen Rosenneuheitenwettbewerb. Seit 2014 bin ich Mitglied der Jury, die jedes Jahr Rosenneuheiten unterschiedlichster Züchter bewertet. Dieses Jahr waren es mehr als 150 Neuheiten, die sich nach einer dreijährigen Bewährungsprobe und kontinuierlicher Bewertung den kritischen Blicken von über 90 Rosenexperten aus 18 Nationen stellten. Eines der Kriterien ist — natürlich — die Blattgesundheit. Seit Jahren ist sie eines der Züchtungsziele, ein Dauerthema in der Rosenszene.
In meiner Bewertungsgruppe war auch die Ingolstädter Landschaftsarchitektin Hanne Roth. Zur Blattgesundheit sagte sie eher beiläufig, das sei für sie gar nicht so entscheidend. Es sei doch normal, dass eine Rose im Herbst unten gelbe Blätter bekommt oder das Laub abwirft — und ihre Aufgabe als Planerin sei es, das mit anderen Pflanzen auszugleichen und zu kaschieren. Der Satz ist mir nachgegangen.
Der Denkfehler
Warum wir ständig betonen müssen, dass eine Rose gesund ist.
Trotz der jahrelangen Fixierung der Züchtung auf die Blattgesundheit, und unzähligen robusten und gesunden neuen Rosensorten, werden Rosen immer noch nicht als das gesehen, was sie eigentlich sind: ganz normale, robuste, pflegeleichte Gartenpflanzen. Das Gegenteil gilt immer noch. Wenn ich bei jeder neuen Sorte betonen muss, dass sie gesund ist, dass sie robust ist, dass sie pflegeleicht ist, sage ich ja im Umkehrschluss immer noch: Rosen an sich sind es eigentlich nicht.
Das gilt für viele Eigenschaften, die wir heute wie Argumente für viele Pflanzen, auch für Stauden, vor uns hertragen. Dass eine Pflanze standfest ist. Dass sie wenig Wasser braucht. Dass sie kaum Pflege verlangt. Das sind eigentlich Selbstverständlichkeiten, die wir voraussetzen sollten — und indem wir sie extra hervorheben, unterstellen wir allen anderen Pflanzen das Gegenteil: empfindlich, durstig, düngerhungrig, ein Fall für den Pflanzenschutz. Brauchen wir nicht besser einen normaleren Umgang mit der Pflanze? Einen, der akzeptiert, dass sie sich im Lauf des Jahres verändert.
Was zu Rosen passt
Begleitpflanzen, die die Rose durchs Jahr tragen.
Genau das ist auch der gestalterische Kerngedanke von Hanne Roth: Man muss von einer einzelnen Pflanze nicht verlangen, das ganze Jahr perfekt dazustehen — wenn ihre Nachbarn übernehmen, sobald sie nachlässt. Das ist die Idee guter Begleitpflanzung. Die Rose liefert die große Blüte; ringsum sorgen Stauden und Gräser dafür, dass das Beet auch dann trägt, wenn die Rose gerade Luft holt.
Bewährt sind Partner, die lange Struktur zeigen und der Rose nicht die Schau stehlen: Katzenminze (Nepeta) und Steppen-Salbei (Salvia nemorosa) als blauviolette Wolke zu Füßen der Rose, Storchschnabel (Geranium) als Bodendecker über die kahle Basis, dazu Frauenmantel, Ehrenpreis (Veronica) oder Duftnessel. Und Gräser — Reitgras ‘Karl Foerster’, Diamantgras, Rutenhirse —, die im Spätsommer und Winter genau dann Textur bringen, wenn die Rose längst verblüht ist. So wird aus der „kaschierten Schwäche“ eine echte Pflanzgemeinschaft, in der jede Pflanze ihre Saison hat. Ganz nebenbei wirkt das auch viel natürlicher. Genauso faszinierend eine Rosenblüte im Dezember wirkt, genauso unnatürlich und deplatziert ist das Gartenbild, das so entsteht.
Vier Jahreszeiten
Eine Pflanze verändert sich — und das gehört dazu.
Für mich ist an einer Pflanze alles wichtig: der Austrieb im Frühjahr, das Blatt, die Blüte, die Herbstfärbung, das Vergehen, das Bild im Winter. Vielleicht liegt genau darin ein Weg, mehr Rosen in unsere Gärten zu bringen: Wenn wir aufhören, sie auf das eine, das permanente Blühen zu trimmen, „Blühmaschinen“ zu züchten, und anfangen, die Rose wieder als Vierjahreszeitenpflanze zu denken — mit einem schönen Austrieb, mit Blüten, danach mit Fruchtschmuck, vielleicht sogar mit Herbstfärbung. Rosen mit dekorativen Hagebutten können einen Garten bis in den Winter tragen. In der Rosenzüchtung spielt dieses Ziel kaum eine Rolle, von der Herbstfärbung ganz zu schweigen.
Wer akzeptiert, dass eine Pflanze nicht das ganze Jahr gleich und makellos aussieht, sondern Phasen hat — mal Hauptdarstellerin, mal stille Nebenrolle —, hat schon viel gewonnen. Und ebnet den Weg zu mehr Rosen im Garten.
Worum es eigentlich geht
„Es geht darum, Schönheit in dem zu entdecken, was auf den ersten Blick unschön erscheint.“
Piet Oudolf
Hitze & Struktur
Wenn der Schnee ausbleibt, zählt die Struktur.
Und damit sind wir beim großen Thema der letzten heißen Wochen: Wir brauchen Pflanzen, die Hitze wegstecken. Viele Rosen gehören dazu. Der zweite Teil derselben Einsicht fällt uns schwerer — nämlich zu akzeptieren, dass sich der Garten an Wetter und Klima anpasst und dann eben auch Zeiten hat, in denen nicht alles blüht und nicht alles perfekt aussieht. Ein Garten, der auf Dauerblüte und Makellosigkeit getrimmt ist, kämpft gegen genau die Robustheit an, die wir uns eigentlich wünschen.
Und dann ist da noch der Jahreslauf. Rechnet man von Oktober/November bis in den Februar/März, wenn der neue Austrieb kommt, ist das eine lange Strecke, in der wir attraktive Gärten brauchen. Den Schnee, der früher alles zudeckte und die Frage nach dem Winterbild erledigte, gibt es kaum noch. Also müssen die Pflanzen selbst tragen: mit Struktur, mit Samenständen, mit Gräsern, die im Raureif aufleuchten. Und mit Immergrünen. Gerade dann zeigt sich, dass das Vergehen kein Makel ist, sondern ein eigener Reiz.
Piet Oudolf
Der Mann, der das Vergehen zur Kunst gemacht hat.
Niemand hat diese Haltung so weit getrieben wie Piet Oudolf. Seine Stauden- und Gehölzpflanzungen — von der New Yorker High Line bis zum Vitra Campus in Weil am Rhein — leben davon, dass eine Pflanze nach der Blüte nicht abgeräumt, sondern gefeiert wird. Samenstände von Stauden, Gräser, das ganze Spiel aus Hell und Dunkel im Winter: „Auch Braun ist eine Farbe.“ Oudolf hat unseren Blick auf Pflanzen und den Garten verändert — und einen großen Anteil daran, dass wir das Vergehen heute als Teil des Gärtnerns begreifen.
Was viele übersehen: In fast jeder Oudolf-Pflanzung stecken auch Gehölze — frei wachsend, als Rahmen und Gegenpol zu den Stauden. Beides zeigt er in einem neuen Bildband, der im September bei PLANTVS erscheint — zum ersten Mal auf Deutsch. Mit einer Einführung von Cassian Schmidt und bemerkenswerten Essays von Noel Kingsbury, Jonny Bruce, James Corner, Hans Ulrich Obrist und Tino Sehgal sowie Rosie Atkins.
Gartenbuch · Neuerscheinung
Piet Oudolf. Das Werk
Fast 40 Projekte aus vier Jahrzehnten, großformatige Fotografien, Essays und die bislang größte Sammlung seiner handgezeichneten Pflanzpläne. 288 Seiten, Hardcover, mit ausklappbaren Plänen.
Subskriptionspreis bis 31.08.2026 · danach 69,00 € · versandkostenfrei in DE
Zum Weiterlesen
Bücher, die den Garten durchs Jahr denken.
Von der Staudenmonografie bis zum kleinen Hausbaum — drei Bücher über Pflanzen, die sich verändern dürfen.
Folko Kullmann ist Mitgründer von PLANTVS und seit April 2026 Verleger und Eigentümer von Filbert Press in Großbritannien. Er ist Buchautor und Gartenexperte und schreibt regelmäßig über Pflanzen, Gestaltung und die Debatten dahinter.


