Editorial · Mai 2026
Rewilding, Renaturing, Naturgarten — und die Frage, wie wild ein Garten sein darf
Gedanken über Begriffe, die gerade alle Diskussionen prägen — und warum die Frage, was sie bedeuten, mehr ist als Wortklauberei.
Es ist Mai, und das Netz streitet wieder über Rasen.
Die einen lassen ihren Rasenmäher demonstrativ stehen, posten Fotos von Löwenzahn und Gänseblümchen und taggen den Content mit #NoMowMay. Es dauert nicht lange, bis die Kommentare erscheinen, dass ein ungemähter Rasen kein Beitrag zum Naturschutz sei, sondern einfach ein ungemähter Rasen. Gut vs. böse, schwarz vs. weiß. Die einfachste Art und Weise, heute Klicks und Aufmerksamkeit und Reichweite zu generieren.
Rewilding oder Renaturing, naturnah und naturalistisch. Diese Begriffe kursieren wieder in einer Geschwindigkeit durch die Gartenwelt, schneller als eine Pusteblume ihre Samen im Frühlingswind verbreiten kann...
Begriffe, die man unterscheiden sollte
Rewilding ist der älteste und schärfste der vier.
Geprägt wurde er Anfang der 1990er-Jahre von einer Gruppe nordamerikanischer Naturschützer und folgt einer klaren Definition: Kerngebiete, Korridore, Karnivoren — die berühmten drei K oder im englischen C (cores, corridors, carnivores). Es geht um die Wiederherstellung großer, zusammenhängender Ökosysteme, in denen natürliche Prozesse wieder Regie führen. Das Beispiel, das immer genannt wird: der Yellowstone-Nationalpark, in den 1995 wieder Wölfe ausgewildert wurden...
Das ist Rewilding im eigentlichen Sinn. Und das findet nicht im (Vor-)Garten statt.
Die kleine Geste
Renaturing ist der Begriff für das, was wir tun können.
Renaturing ist der Begriff, den der britische Autor und Universitätsdozent James Canton vorschlägt, wenn es um das geht, was jeder von uns auch im Kleinen tun kann. Auf dem Balkon ein paar Wildblumen im Kasten säen, im Garten ein Stück Wiese im Rasen stehen lassen (nicht nur im Mai), Hecken aus heimischen Sträuchern pflanzen, oder auch mal einen alten Baumstamm als Lebensraum erhalten. Das ist nach Cantons Lesart kein Rewilding — sondern Renaturing. Ein Angebot an die Natur, in den Garten zurückzukommen. Eine kleine, aber wichtige Geste zugunsten der Biodiversität vor der eigenen Haustür. Aber eben kein Rewilding. Wenn jeder Strauch im Vorgarten als Rewilding bezeichnet wird, verliert das Wort seine Bedeutung — und damit auch das, wofür es eigentlich steht.
Die Praxis hierzulande
Naturgarten: gewachsene Tradition im deutschen Sprachraum.
Im deutschen Sprachraum gibt es für vieles, was international heute unter Renaturing diskutiert wird, längst einen eigenen Begriff: Naturgarten. Er ist nicht neu, nicht importiert und auch kein Trendwort. Seit Jahrzehnten steht er für eine Gartenpraxis, die mit heimischen Pflanzen, standortgerechter Pflanzenverwendung, unversiegelten Flächen, pestizidfreier Pflege und Lebensräumen für Insekten, Vögel und andere Tiere arbeitet. Die Gärten schafft, die bewusst nicht nur für Menschen da sein sollen, sondern auch für die wilde Flora und Fauna, mit der wir leben.
Trotzdem ist Naturgarten nicht einfach ein anderes Wort für Rewilding. Ein Naturgarten bleibt ein gestalteter Raum. Wege werden geführt, Habitate gestaltet, Pflanzen werden ausgewählt, Flächen werden schonend gepflegt, manche Entwicklungen werden zugelassen und andere bewusst begrenzt. Genau darin liegt seine Stärke: Der Naturgarten behauptet nicht, Wildnis zu sein, sondern fragt, wie viel ökologische Funktion, Artenvielfalt und natürliche Dynamik ein Garten aufnehmen kann, ohne seine kulturelle Form zu verlieren.
Renaturing beschreibt im englischen Diskurs die kleine Rückverbindung zur Natur: ein Stück Wiese, ein Totholzhaufen, eine Hecke, ein Balkon voller Blüten. Der Naturgarten geht einen Schritt weiter, weil er daraus eine dauerhafte Haltung und Gestaltungspraxis macht. Er ist kein Nichtstun, sondern ein anderes Tun. Nicht weniger Pflege, sondern andere Pflege. Nicht weniger Gestaltung, sondern eine Gestaltung, die mit Standort, Jahreszeiten und den Ansprüchen anderer Lebewesen rechnet. Denn Garten ist immer Gestaltung und ohne gärtnerische Eingriffe würde die Vielfalt schnell zurückgehen. Im Prinzip ersetzen Gärtnerinnen und Gärtner die großen Herbivoren, die durch Äsen, Grasen, Huftritte und Wühlen immer neue Nischen schaffen.
Und gerade deshalb lohnt es sich, die Begriffe sauber zu halten. Rewilding gehört in große Landschaften und zusammenhängende Ökosysteme. Renaturing beschreibt kleine, oft niedrigschwellige Schritte zurück zu mehr Natur. Der Naturgarten ist die gewachsene Praxis, in der solche Schritte zu einem gestalteten, ökologisch wirksamen Garten werden können.
Worauf es ankommt
„Renaturing demokratisiert die Wiederherstellung von Natur. Du brauchst dafür keinen Landsitz."
James Canton · University of Essex
Sprache formt Wahrnehmung
Warum die Begriffe trotzdem wichtig sind.
Wer „Rewilding" sagt, denkt an Biber, Bären, Wölfe und Wisente, an Projekte wie die Oostvaardersplassen in den Niederlanden oder Knepp Castle in Sussex. Wer „Naturgarten" sagt, denkt an die Blumenwiese im Garten der Eltern und Großeltern und wer „Renaturing" benutzt, hat den Begriff vermutlich das erste Mal aus Quellen auf den britischen Inseln gehört oder gelesen, und das ist nicht zufällig — die intensivste Debatte über das Verhältnis von Gestaltung und Wildnis findet gerade im Vereinigten Königreich statt.
Wieviel Raum erlauben wir der Natur, der Fauna im Garten und im öffentlichen Grün? Und wie viel bleibt für den Menschen? Wie viel Dynamik erlauben wir und wie viel halten wir aus.
Genau hier kommt für uns Filbert Press ins Spiel. Der britische Fachverlag, der seit April 2026 zur PLANTVS-Familie gehört, ist eine der zentralen Stimmen in dieser internationalen Debatte. Den Grundstein dazu hat Anna Mumford schon vor über 10 Jahren gelegt. Filbert macht keine Bücher für den Massenmarkt. Filbert steht für Autorenbücher, Substanz, Tiefgang. Dazu gehören Autoren wie Nigel Dunnett (der am 26. April 2026 viel zu früh gestorben ist) mit seinen Konzepten zu naturalistischer Pflanzung im urbanen Raum, für die Priorisierung der Bedürfnisse der Menschen bei der Anlage von Gärten, Parks und Pflanzungen. Noel Kingsbury, der seit Jahrzehnten an der theoretischen Fundierung dessen arbeitet, was Naturalistic Planting bedeutet. Dan Pearson, der Gärten gestaltet, in denen die Frage „wo das Natürliche endet, und wo das Gestaltete beginnt" gar nicht mehr sinnvoll gestellt werden kann. Henrik Sjöman und Arit Anderson zur Rolle von Bäumen in der Stadt der Zukunft. Olivier Filippi und seine Arbeit zu trockenheitsverträglichen Mittelmeerpflanzungen, die die Basis für Garrigue-Mischpflanzungen sind, die gerade vom Arbeitskreis Pflanzenverwendung im Bund deutscher Staudengärtner (BdS) unter der Koordination von Prof. Cassian Schmidt getestet werden.
Das sind nicht zufällig genau die Menschen, die diese Debatte auf Niveau führen. Und es ist auch kein Zufall, dass Anna ihre Bücher PLANTVS anvertraut hat.
Stimmen, die diese Debatte prägen
Bücher zum Weiterdenken.
Die folgenden Autoren arbeiten seit Jahrzehnten an den Fragen, die diese Debatte aufwirft — von naturalistischer Pflanzung bis zur Rolle von Bäumen in der Stadt der Zukunft.
Die Frage hinter der Frage
Aus Komplexität wird ein Hashtag.
Was mich an der aktuellen Diskussion manchmal stört, ist der Impuls, durchaus komplexe Sachverhalte auf simple Hashtags (oder „Hatetags") zu reduzieren. Den Rasen wachsen zu lassen ist keine Naturschutzmaßnahme, wenn dahinter kein Plan ist. Eine Hecke wird nicht ökologisch wertvoll, wenn man sie wild nennt — sondern wenn sie heimische Arten beherbergt, wenn sie nicht zur falschen Zeit geschnitten wird, wenn sie passend zum Standort gesetzt wurde. Die Frage ist nicht: Wildnis, ja oder nein? Sondern: Wie naturnah sind naturalistische Pflanzungen? Wie viel Wildnis verträgt ein gestalteter Raum? Wie viel Gestaltung verträgt Wildnis? Wann wird Pflege zur Kontrolle, und wann wird Loslassen zur Verantwortungslosigkeit?
Diese Fragen lassen sich nicht in einem Newsletter beantworten. Aber sie lassen sich in Büchern verhandeln — in Texten, in denen jemand eine Position einnimmt, sie begründet, ausarbeitet, an konkreten Beispielen prüft. Das ist die Arbeit, die Verlage leisten, wenn sie gut sind. Eine Plattform zu bieten für fundierte, faktenbasierte Informationen und Themen. Das ist die Arbeit, die wir bei PLANTVS gemeinsam mit Filbert Press in den nächsten Jahren leisten möchten.
Was du heute tun kannst
Klein anfangen, genau hinsehen.
Wenn du nach diesem Artikel das Gefühl hast, das Thema interessiert dich, gibt es ein paar konkrete Bücher, die wir empfehlen würden:
— Naturalistic Planting Design von Nigel Dunnett (erhältlich über Amazon) als Einstieg in die Frage, wie Gestaltung und Ökologie zusammengehen können.
— Gardens Under Big Skies von Noel Kingsbury (erhältlich über Amazon) zur Theorie und Praxis naturalistischer Pflanzengemeinschaften.
— Tokachi Millennium Forest von Dan Pearson (erhältlich über Amazon) über Gärtnern als langen, beobachtenden Prozess.
Diese Autoren prägen das Programm von Filbert Press. Und falls du eher praktisch einsteigen willst: Kleine Bäume für den Garten, das ich gemeinsam mit der Gartenbloggerin Sonja Di Leo geschrieben habe, zeigt, wie man auf kleinem Raum Strukturen schafft, die Vögeln, Insekten und dem eigenen Ruhebedürfnis gleichermaßen dienen — ohne dass man den Garten verwildern lassen muss.
Das Programm
Bücher, die diese Debatten weiterführen.
Bei PLANTVS und Filbert Press veröffentlichen wir Bücher zu naturalistischer Pflanzung, ökologischer Gestaltung und der Frage, wie Gärten unter veränderten Klimabedingungen aussehen können.
Zum Programm →Folko Kullmann ist Mitgründer von PLANTVS und seit April 2026 Verleger und Eigentümer von Filbert Press in Großbritannien. Er ist Buchautor und Gartenexperte und schreibt regelmäßig über Pflanzen, Gestaltung und die Debatten dahinter.


